Die dicke Designerin
„Nein, geh weg, Du darfst nicht bei mir sitzen“.
„Bei mir auch nicht, ich habe keinen Platz. Du bist zu fett“.
Claudia standen die Tränen im Gesicht. Gerade noch hatte sie sich von ihrer Mutter verabschiedet, stolz die Schultüte vor sich hergetragen und nun das. Niemand wollte sie neben sich sitzen lassen. Ein Spießrutenlauf begann. Nicht nur an diesem ersten Schultag. Wenn sie geahnt hätte, das die nächsten Jahre ein Horrortrip werden sollten, wäre sie laut schreiend aus der Schule gelaufen.
Aber das wusste sie nicht, als sie sich unter lautem Gekicher in die letzte Reihe setzte, allein an einen Zweiertisch.
Wenn sie in der Schule an die Tafel gerufen wurde, begann das Gelächter schon, als ihr Name aufgerufen wurde. Und der Sport-Unterricht war die Hölle. Sie wurde einsam, sehr einsam. Saß allein zu Hause, allein mit sich und ihren Tränen. Ihre Puppen wurden ihre Freundinnen, mit denen sie Stunden lang spielte. Das Spielen bestand darin, dass sie die Puppen immer und immer wieder mit neuen Kleidern anzog. Diese neuen Kleider waren zunächst Stoffe, die sie im Nähkorb ihrer Mutter fand. Die sie mit der Schere zerschnitt und anpasste bis ihre Mutter ein Einsehen hatte und mit ihr zusammen an der Nähmaschine saß.
In der Schule dachte sie nur noch über neue Kleider nach und konnte es kaum abwarten, bis sie wieder bei ihrer Nähmaschine war. Sie veränderte sich. Ihr Gesicht bekam das, was man später eine persönliche Aura nannte. Ihr Körper entwickelte sich, immer noch sehr füllig, ihre Proportionen entsprachen mehr und mehr der einer Rubens-Figur und die Jungs begannen sich, nach ihr umzudrehen. Die Hänseleien ließen nach, verstummten schließlich. Sie ging ihren Weg. Abitur, Schneiderlehre, Studium Modedesign.
Claudia lebt heute in einer deutschen Großstadt, entwirft Mode für Übergrößen, ist dabei sehr erfolgreich und seit mehreren Jahren mit einem beliebten Schauspieler liiert.
„Ich habe aus meinem Leid meine Berufung gemacht.“
Aus „Storytelling: Wahre Geschichten aus dem Alltag“
Schhhhhhh heisst „Sei ruhig“
Im Restaurant gegenüber sitzt eine Familie – Mann, Frau, 2 kleine Mädchen. Vater deutsch, Mutter aus Frankreich. Mutter spricht französisch, Mädchen antworten auf deutsch. Wenn eines der Mädchen ein klein wenig lauter wird, ein klein wenig nur, macht die Mutter “Schhhhhhh”. Richtig laut “Schhhhhhh”. Und das mindestens einmal die Minute. „Schhhhhhh”.
Es sind nämlich muntere Mädchen.
Das “Schhhhhhh” nervt – die Mädchen sind niedlich.
Der winkende Mann
Jeden Morgen, wirklich jeden Morgen steht er an der Straße.
Und winkt.
Gleich hinter der polnischen Grenze, vor den Zigarettenbuden.
Schiebermütze, fleckiger Mantel, keine Zähne im Mund.
Steht er da. Und winkt und winkt und winkt.
Beim ersten Mal, großes Erschrecken.
Danach ganz schnell vorbeifahren.
Schließlich zurückwinken.
Seit letzter Woche ist er nicht mehr da.
Dafür eine rote Leuchtschrift
Z I G A R E T T E N
Ohne Abschied
Du wunderst Dich, wo ist der Kollege, der Mann, der kein Deutsch konnte, der immer eine rote Trainingshose trug und der immer nickte, wenn ich Guten Morgen sagte. Er saß hinter mir, direkt im Büro nebenan, hinter der Wand.
Und er kommt nicht mehr.
Denn er ist auf der Nachhausefahrt nach Littauen am Steuer eingeschlafen und in einen LKW geprallt.
Es gibt keinen Abschied, kein Gedenken an ihn.
Das Leben hier geht weiter.
Tag für Tag.
Keine Zeit für einen Abschied.
Keine Zeit.
Aus den Aufzeichnungen „Big Bossi has left the building“
Die Handtuch-Deutschen
Weil… es gibt nur freie Sitzplatzwahl, alle Reservierungen für diesen Ersatzflieger sind ungültig.
Eilig werden die Bordkarten gezückt, aber Halt und Stop, erst Familien mit Kindern und Ansage vom jungen Mann am Boarding-Schalter:
“Das Flugzeug ist groß genug, es gibt mehr Plätze als Passagiere, bitte ruhig und besonnen einsteigen.”
Nach einer weiteren halben Stunde ist es soweit, die Handtuch-Deutschen stehen nun schon eine Stunde an, es wird zum Einstieg aufgerufen.
Die Schlange klatscht.
Doris
„Ich bin immer noch völlig fassungslos, Doris. Was war das für eine Veranstaltung. Ich wurde völlig ignoriert. Als Gerald hereinkam, brach er natürlich in Tränen aus. Du kennst ihn ja, er ist sehr rührselig. Ich bin ein netter Mensch und dann habe ich ihn schließlich auch umarmt.“
Ich sitze im Zug von Duisburg nach Hannover, hinter mir spricht jemand laut und deutlich in sein Handy. Es scheint eine Frau zu sein, sehr aufgeregt, tiefe Stimme, rauchig, eindeutig ein paar Zigaretten zu viel.
„Natürlich Doris, das gehört sich so.
Aber der Pfarrer, nein, der sah mich überhaupt nicht. Er gab Gerald die Hand und mir nicht.“
…..
„Ja! Erst als ich meine Beine übereinander schlug, und damit ein Zeichen setzen wollte, das ich gleich gehen werde, ja da hat er mich kurz angeschaut.
Ich blieb dann doch, ich sagte mir, von der Beerdigung meiner Schwiegermutter wird mich keiner verdrängen.“
…..
„Ja, Doris genau. Später am Grab wollte er mir dann kondolieren. Ich habe ihn ignoriert. Das war die richtige Antwort. Aber das schlimmste ist ja, keiner erwähnte die Mutter der Verstorbenen.“
….
„Ja, mit keinem Wort. Sie blieb völlig aussen vor.“
Jetzt wollte ich mich umdrehen, und nachfragen, was die Mutter der Verstorbenen damit zu tun hatte, denn warum musste sie unbedingt erwähnt werden? Ich hielt mir die Hand vor den Mund.
„Am Montag werde ich den Herren schreiben, einen Vierzeiler, und ihnen sagen, das ich ihr Spiel durchschaut habe. Ich kam mir vor wie bei einer Hexenjagd. Genau so muss es früher gewesen sein!“
….
„Doris, ich bin vor einem halben Jahr ausgezogen, nach 25 Jahren Ehe. Nun haben sie mir gezeigt, was sie von mir halten. Alle!“
Nun MUSSTE ich schauen, wer da so laut sprach, ich stand auf und tat so, als ob ich nach meinem Koffer gucken wollte – aha, eine Dame in schwarz, sehr schlank, Sonnenbrille. Aber es ging weiter:
„Doris, wie geht es Dir denn?“
…..
„Gut, jedenfalls interessiert mich jetzt nur noch die Aufteilung des Vermögens. Alles andere ist mir egal.“
Verstohlen drehte ich mich um. Was dachten die Anderen? Immerhin war das Abteil voll. Und das Gespräch konnte jeder deutlich hören. Aha… hier und da zustimmendes Nicken, auch ein Kopfschütteln sah ich.
Nun, auf jeden Fall waren wir alle gute Zuhörer gewesen, genau wie die Doris.
Moby Dick
Noch ist das Besprechungszimmer leer, doch der erste kommt, der zweite, dann drei Mann zusammen. Wie Möwen, die anfangen zu flattern, immer mehr. Bevor der Wal bläst und aufsteigt. Aufregung, grosse Aufregung.
Doch Moby Dick kommt heute nicht. Und er sagt auch nicht ab.
Aus den Aufzeichnungen „Big Bossi has left the building“
Kriegsrat
„Haben wir noch die richtigen Mitarbeiter?“, sein Blick wandert durch die Runde.
Aus den Aufzeichnungen „Big Bossi has left the building“