Nadim´s Hanfplantage

Über Umstände, die für den Moment nicht wirklich interessant sind, bin ich Eigentümer einer 60 m² grossen Wohnung in Göttingen.

Eines Tages rief mich die Hausverwaltung an. Die Tür der Wohnung sei aufgebrochen worden und ein Nachbar habe die Polizei verständigt.

„Okay“, sagte ich, „was ist mit dem Mieter?“ Der Mann am anderen Ende druckste herum: „Na ja“, sagte er, „also, der war nicht da und die Polizei sucht ihn“.
„Aha?“ fragte ich mich und ihn, „warum denn das?“
„Also, ähm, die Wohnung war eine reine Hanfplantage. Da waren nur Haschischpflanzen drin. Und sonst gar nichts.“

 

Aus den Aufzeichnungen „Wäre ich doch in Düsseldorf geblieben“

Als Tommy seine Wohnung anzündete

Tommy wusste wohl wirklich nicht mehr weiter. Am Abend vorher hatte ich ihn auf Bitten des Ältesten aus der Abteilung angerufen, ihm vorsichtig gesagt, sein Verhalten würde so nicht mehr toleriert. Schließlich könne er dem Gruppenleiter keine Prügel androhen und brüllend durch die Firma toben. Er reagierte unwirsch, sie könnten ihn alle mal, er würde sich selbständig machen und dann würden sie schon sehen. „THOMAS“, sagte ich, „Thomas, so einfach ist das nicht. Noch kannst Du wieder zurück, Du musst Dich nur entschuldigen!“

Er legte auf.

Zwei Tage später entdeckte meine Lieblingskollegin als erste die Nachricht. Im Lokalteil mit der Überschrift: „Innere Stimme befahl Brand“. Wir konnten es zunächst nicht glauben, doch er war es. Tommy hatte in seiner Wohnung an mehreren Stellen Feuer gelegt, sich auf den Balkon gestellt und in aller Ruhe eine Zigarette geraucht. Die eintreffende Feuerwehr nahm ihn gleich mit:

5 Jahre auf Bewährung in einer psychiatrischen Anstalt.

 

Aus den Aufzeichnungen „Big Bossi has left the building“

 

Schnee in Bogatynia

Sibirische Peitsche?
Kälterekord?
Schnee ohne Ende?

Egal, es schneit und ich mache mich auf den Weg.
Landstraße nach Zittau, der Begriff unbefestigt ist angebracht.
Ich reihe mich ein, ein Auto brav hinter dem anderen.
Sie fahren langsam, sehr langsam.

Und dann, wie aus dem Nichts, steht da der erste LKW.
Ein zweiter, dritter…. auf der anderen Straßenseite geht nichts mehr.
Und vor mir beginnt es plötzlich zu schwimmen, der erste Wagen bricht nach rechts aus, der nächste steht quer.
Warnblinklichter.

Sie schaffen den Hügel vor uns nicht.

Langsam beschleunige ich den Freund.
Fahre behutsam an allen vorbei.

Schlechtes Gewissen?
Nicht wirklich.
Hier in Polen gibt es keine Winterreifenpflicht.
Und sie halten sich daran.

 

Auf dem Schaukelpferd

Es fing so harmlos an.

Meine Frage galt seinem Befinden und dem Glückwunsch, das in einem Jahr seine Insolvenz vorbei ist und er wieder Geld verdienen kann.

Er: „Ich brauche kein Geld“.

Ich: „Wie, Du brauchst kein Geld?“.

Er: „Ja, sagte ich doch. Geld ist unnötig“.

Hmmm, ich überlegte. Kein Geld. Vor 3 Monaten hatten sie ihm den Strom abgedreht, seine Freundin war im Begriff, ihn zu verlassen – genau wie damals seine Ex-Frau, die Mutter seiner Kinder.

„Du kannst doch viel Geld verdienen und bescheiden leben“, ich versuchte es erneut. „Und Du kannst dann nach Frankreich fahren, so wie früher“.

„Das mit Frankreich wäre ok, aber ansonsten brauche ich kein Geld“.

Ich gab auf. Er war beleidigt und ich fassungslos.

Ich ließ ihn sitzen, auf seinem hohen Ross. Schließlich war es doch nur ein Schaukelpferd.

 

 

Aus den Aufzeichnungen „Wär´ ich doch in Düsseldorf geblieben“

In einer anderen Welt

 

Meine Begleiterin, die auch Karate kann und ich stehen vor der Tür.
Eindeutig. Dies ist die Adresse.
Aber wo ist der Eingang?
Hier steht „Staff only“, dort „Office only“.
Und dann sehe ich ihn.
Einen Klingelknopf, daneben ein klitzekleines Bullauge.
Ich drücke auf den Knopf.
Erst mal nichts.
Und dann geht die Tür auf.
Breites Lachen, ein schwarzbärtiger Mann mit Schürze und eine lustige Frau, ganz in schwarz gekleidet, begrüßen uns.
Wir geben unsere Jacken ab und werden in das Haus geführt.
Um die Ecke stehen nebeneinander 7 grinsende Köchinnen und Köche… ein lautes und fröhliches „Welcome“ erschallt.
Dann ein kleiner Raum, eher ein Wohnzimmer mit Sofa und Sesseln, wir schauen auf einen Innenhof, sparsam und ausgewählt bepflanzt, kleine Fontänen dazwischen.
Wir bekommen eine Bouillon serviert, eine Rinderbrühe mit Kombu (essbarer Seetang).
Und erfahren, das sich alles, was wir heute essen werden, an der Insel Bornholm orientiert.
Im Gastraum – wenige Tische in warmen Holztönen mit Blick auf die offene Küche – folgt eine Symphonie in 17 Sätzen. Eine Geschmackssalve nach der anderen. Vom jeweiligen Koch vorgestellt.

Wir wollen hier nicht mehr weg.
Die Atmosphäre ist komplett.
Mehr geht nicht.

 

Adresse: Wildersgade 10B, 1408 København K, Dänemark
Fon: +45 33 25 22 23
Web: http://www.kadeau.dk/kbh_english.php

Appetit auf Männer

Die Meetings waren vorbei und Doc, Catman und ich
sassen in der Kantine zum Mittagessen. Es war schon
spät und wir waren nahezu die letzten Gäste.

Sie fiel mir auch sofort auf. Zögernd kam sie an unseren
Tisch, setzte sich auf den noch freien Stuhl und sagte:
„Was habe ich für einen Appetit auf einen Mann.“

Catman schaute erst die Frau, dann mich und schliesslich
den Doc an. Sein Mund war eindeutig offen und für einen
langen Moment war es still. Plötzlich sprach Doc: „Dafür
ist er zuständig.“ Sein Finger zeigte unmissverständlich
auf mich.

Die Frau, sie mochte Anfang 30 sein, lange dunkle Haare,
grosse Augen, wandte sich mir zu und fing an zu reden,
und zwar ohne Pause. In einem intensiven österreichisch.
Sie holte Bilder aus der Tasche, steckte sie wieder ein,
gestikulierte. An und für sich verstand ich gar nichts.

Das ging so eine Weile. Doc stand dann auf und sagte:
„Auf Wiedersehen.“ Wir verliessen die Kantine.

Etwas nachdenklich fuhr ich am Abend aus der Stadt,
im Radio die lokalen Nachrichten: Am späten nachmittag
griff eine offenbar geistesgestörte Frau mit einer Axt
den Mitarbeiter eines Baumarktes in der Innenstadt
an. Sie konnte überwältigt werden.

El Cava

Bei unserer ersten Begegnung – es war ein Vorstellungsgespräch in Düsseldorf und er hatte sich auf eine Anzeige beworben – wirkte er wie ein…. ja wie ein Penner. Er erinnerte mich damals an die Szene aus dem Film Pulp Fiction, in der John Travolta Bruce Willis an der Bar sieht, ihn abschätzig mit den Worten „Was willst Du, Penner?“ mustert. Ja, so ähnlich war das, mit dem Unterschied, dass ich diese Worte seinerzeit nur dachte. Aber ich gab ihm eine Chance und ich wollte auch nicht wie Travolta auf der Toilette erschossen werden und er kam ein zweites Mal…. mit der Vorgabe, in einem business-tauglichen Outfit zu erscheinen. Was ich dann zu sehen bekam, war nicht unbedingt vergleichbar mit einem Anzug, den seinerzeit die IT-Freaks trugen, das, was er da an hatte wirkte wie aus einem anderen Zeitalter.

Nun, so begann die Zusammenarbeit mit El Cava, dem Devil Head.

Bis ich eines Tages erfuhr, dass er dem Finanzamt Düsseldorf-Altstadt 1 Mio DM unterschlagen hatte.

 

 

Aus den Aufzeichnungen „Wär´ ich doch in Düsseldorf geblieben“

 

Herr Hoppe

Flug von Hannover nach Frankfurt. Boarding bei Lufthansa um 10 nach 10, Ankunft in der Abflughalle um halb 10.
Alles ganz entspannt.
Wir stellen uns in die Schlange, um die Koffer aufzugeben. 3 Schalter sind angegeben, eingecheckt haben wir gestern online.
Alles ganz entspannt.
Nun geht es aber sehr langsam voran, wir wundern uns und aha…. Da sitzt nur 1 Mann an den 3 Schaltern.
Und dort drüben ist eine lange Schlange vor dem Sicherheitscheck.
Nicht mehr entspannt.
Um 10 Uhr sind wir dran.
Ich sage zu dem einen Mann:
„Sie hat man hier wohl allein gelassen.“
Gequältes Lächeln.
Ich sage weiter zu dem einen Mann, das es für uns wohl sehr spät wird.
Er greift wortlos zum Telefon.
Probiert ein paar Nummern aus.
Murmelt schließlich in den Hörer „Hier sind noch 2 Gepäckstücke für den Flug nach Frankfurt“.
Legt auf, schaut uns an und sagt: „Den kriegen Sie nicht mehr.“
Und fängt an, auf seinen Computer einzuhacken.
„Ich buche Ihnen neue Flüge.“
Ich drehe mich um… die Schlange hinter uns wird länger.
„Sollen wir nicht zu einem anderen Schalter gehen?“ frage ich…. der eine Mann antwortet, es ist eher ein Zischen: „Es gibt keinen anderen Schalter“.
Ich beobachte ihn.
Er ist völlig konzentriert.
Fokussiert auf diese eine Aufgabe.
Neue Flüge zu finden.
Schaut nicht nach links und nicht nach rechts.
Und vor allen Dingen nicht auf die Schlange.
„Okay – hier habe ich freie Flüge.“
Ich frage nach seinem Namen und meine Begleiterin, die auch Karate kann, sagt: „Sensationell – Sie haben eine Ruhe!“

Als wir mit neuen Bordkarten zum Sicherheitscheck gehen, kommen 2 Kolleginnen und besetzen die anderen Schalter.
Die Schlange wird zügig kleiner.
Egal.
Wir haben einen Helden.
Den einen Mann: Herrn Hoppe.

Seht her, ich habe ein Geheimnis

14-jähriger Sohn klettert aufs Dach, nachdem sein Vater ihn und seinen Bruder zur Rede gestellt hat, weil sie verbotenerweise mit seiner wertvollen, antiken Eisenbahn gespielt haben. Er stürzt ab und stirbt. Der Bruder wird psychiatrisch behandelt, seine Mutter begleitet ihn und umhüllt sich mit einem schwarzen Tuch, um nicht erkannt zu werden (sie ist sehr prominent). Die Psychologin gibt ihr den Tip, das Tuch wegzulassen, weil es kontraproduktiv wirkt: Seht her, ich habe ein Geheimnis.

 

Aus den Aufzeichnungen „Wär´ ich doch in Düsseldorf geblieben“